
Konferenzdolmetschen ist wie Schwimmen: Um das Schwimmen zu lernen, muss man ins Wasser. Um das Simultandolmetschen zu trainieren, soll man sich in die Dolmetscherkabine begeben. Und, ähnlich wie beim Sport, ist Mentales Training angesagt. Wie man sich auf einen Dolmetschereinsatz am besten einstellt, um „in den Fluss“ zu kommen, darüber steht leider nicht viel in der einschlägigen Fachliteratur (auch in den bereits klassischen Büchern von Lynn Visson, z.B. “From Russian into English: An Introduction to Simultaneous Interpretation“).
Zum Simultandolmetschen auf einer internationalen Konferenz bereite ich mich häufig so vor, in dem ich bilinguale Textquellen oder entsprechende Audioaufnahmen ausfindig mache. Hier ein paar kurze Tipps aus eigener Erfahrung, welche Medien, zumindest bei ganz allgemeinen Thematiken, dabei hilfreich sein können.
Ich persönlich finde, um sich über aktuelle Ereignisse zu informieren, ob ganz allgemein oder zu einem konkreten Thema, ist The Economist nach wie vor das Beste, was die englischsprachigen Medien zu bieten haben. Die Website ist ein großartige Sammlung von diversen Inhalten in hervorragender sprachlicher Qualität, unter denen man schnell etwas Passendes zum aktuellen Anlass findet. Die Audioedition von The Economist hat seit langem einen festen Platz in meiner täglichen „Lektüre“ eingenommen. Wenn es um englisch – russisch geht (und natürlich englisch + jede andere Zielsprache), kann man mit dem MP3-Player das Dolmetschen hervorragend aktiv üben, aber auch als „passiver“ Zuhörer kommt man dank aktueller Audioausgaben von The Economist schnell in die Stimmung bzw. in den Rhythmus eines gesprochenen Vortrags.
Bei der Lektüre im klassischen (Seh)sinne, mit dem Fokus auf Russland, gehören die Zeitschriften von AHK (Deutsch-Russische Auslandshandelskammer) Saldo und Impuls, auch als PDF zum Download bereit, zu meinen Favoriten. Gut recherchierte, thematisch interessante Artikel, Nachrichten, Reportagen und Interviews erscheinen bilingual, immer sehr gut, sowohl präzise als auch idiomatisch, übersetzt, so dass es, sprachlich gesehen, einem schwer fällt, zwischen Übersetzung und Original zu unterscheiden. Häufig weiss ich wirklich nicht, welche Sprachversion – die deutsche oder russische Fassung – als erste auf die Welt kam und später als Vorlage für die Übersetzung in die andere Sprache diente. Wenn man Übersetzer / Übersetzerin ist bzw. sich mit den technischen Mitteln eines Übersetzers einigermaßen gut auskennt, kann man die Artikel alignieren (und – noch ein persönlicher Tipp am Rande – wenn man zum Alignieren nicht die allgegenwärtige Trados-Software, sondern Abbyy Aligner verwendet, bekommt man nicht nur ein Translation Memory (als .tmx-Datei), sondern auch eine wunderbare bilinguale Tabelle mit parallelen Texten, Satz für Satz, im RTF-Format).
Unter den Nachrichtenportals und insbesondere den Blogs, die man liest, um sich ein Bild über aktuelle Geschehnisse in Russland aus der deutschen Perspektive (und, was für mich als Dolmetscher und Übersetzer in einer solchen Situation noch wichtiger ist, in guter deutscher Sprache) zu verschaffen, möchte ich an dieser Stelle Russland-Blog vom Länderbüro der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau hervorheben. Selbst wenn man die eigentlichen inhaltlichen Aspekte beiseite läßt, so überzeugt der Blog durch authentische, stets gut formulierte und stilistisch sichere journalistische Beiträge, die keine übliche politische Korrektheit, sondern einen persönlichen Blick des Autors wiedergeben.
Zu guter Letzt: Wenn Sie sich als Konferenzdolmetscher in ein Small-Talk-Gespräch in der Pause verwickeln lassen und über etwas Neues „in eigener Sache“ beitragen wollen, ist „A computer newsletter for translation professionals“ von Jost Zetzsche das Beste, um sich über neue technische Entwicklungen in der Übersetzungsbranche zu informieren und mit Kollegen und Kunden auszutauschen. Deswegen lautet meine letzte Empfehlung: Abonnieren Sie diesen Newsletter
, zumindest in der gekürzten, kostenlosen Variante („the Premium edition costs just $25 per year for an individual subscription“, „the Basic edition is a FREE subscription that includes fewer articles and features than the premium edition“), und, wenn ich gerade bei Empfehlungen bin, auch diesen Blog. Der kostet nämlich sogar gar nichts.
