“What is it they steal?”

Diese krimimäßige Frage in der Überschrift stellt sich vor Protagonisten eines empfehlenswerten Buchs (kein whodunit, kein Krimi), das ich in diesem Blog kurz vorstellen möchte.

Selbst wenn ich mich mit einem Buch rein privat beschäftige (als Leser oder Hörer, denn ich gehöre zu den Fans von Hörbüchern, Audible & Co.), so ist es für mich als Übersetzer immer interessant, die Übersetzung mit dem Original zu vergleichen, soweit gleich mehrere – am liebsten eine deutsche, eine englische und eine russische – Fassungen vorhanden sind. Außerdem finden sich häufig genug Parallelen zwischen der beruflichen und privaten Realität. Das Buch, das ich in diesem Blog erwähnen möchte, stellt so einen Fall dar.

Selten nimmt das Übersetzen so einen wichtigen Platz in einem Roman ein, selten tauchen so häufig (verziehen sei der Widerspruch) Dolmetscher (dazu noch bei der Ausübung ihres Berufs) als Protagonisten auf. (So befasst sich z.B. der Übersetzer in „Perlmanns Schweigen“, die Hauptfigur eines ebenso wunderbaren wie spannenden Romans von Pascal Mercier, eher mit kognitiven Wissenschaften und Psychologie, als mit dem eigentlichen Übersetzen.)

In „The Thousands Autumns of Jacob de Zoet“ von David Mitchell (so heißt das Buch, das mir das obige Zitat als Überschrift lieferte), werden nicht nur Übersetzer, sondern auch das Übersetzen als solches thematisiert. Es geht um einen jungen Holländer, der im Auftrag einer Handelsgesellschaft 1799 nach Japan reist, um wegen des Verdachts von Diebstählen und Korruption unter seinen Landsleuten auf der fernen und dazu noch stark von der ganzen Welt abgeschlossenen Insel zu ermitteln. Dabei lernt er unter anderem sich mit und ohne Hilfe von Dolmetschern zu verständigen, verliebt sich, erlebt, entdeckt und erfährt vieles, worum es in diesem spannenden Entwicklungsroman, Abenteuerroman, historischen, philosophischen Roman oder einem Roman über die Liebe, je nach Betrachtungsweise, geht …

Es vermischen sich die Genres genauso wie Stimmen, Sprachen und Kulturen. Insbesondere wegen verschiedener sprachlicher Eigenarten – Aussprachen und Akzenten – ist das englische Hörbuch besonders empfehlenswert. Dem Sprecher Jonathan Aris gelingt es, verschiedene Akzente und Idiosynkrasien – Holländisch, Japanisch, Malaiisch und natürlich Englisch, mit allen möglichen archaischen „methinks” und „ay“ – so wiederzugeben, dass man sich zuweilen wie ein Dolmetscher auf internationalen Konferenzen fühlt, wo die englischen native speakers (insbesondere die aus Irland oder Schottland) am schwierigsten zu verstehen sind.

Vor ein paar Monaten schrieb ich in diesem Blog über Audiomedien, die mir hilfreich erscheinen, das Simultandolmetschen zu trainieren und sich zu einem Dolmetschereinsatz vorzubereiten. Einige Dialoge aus „The Thousand Autumns“ als Hörbuch eignen sich bestens dazu.

Und so wiederum bereiten sich die Dolmetscher zu ihrem Einsatz in diesem Buch selbst vor, so recherchieren sie nach der Bedeutung fremdartiger Begriffe, unter denen der Begriff „Hanseatisch“ zu den schwierigsten zählt:

Each interpreter has a list of items that evade the Guild’s collective understanding. These he reads out, one by one, and Jacob explains as clearly as he can, with examples, gestures and synonyms. The group discusses an appropriate Japanese substitute, sometimes testing it on Jacob, until everyone is satisfied. Straightforward words such as ‘parched’, ‘plenitude’ or ‘saltpetre’ do not detain them long. More abstract items such as ‘simile’, ‘figment’ or ‘parallax’ prove more exacting. Terms without a ready Japanese equivalent, such as ‘privacy’, ‘splenetic’ or the verb ‘to deserve’ cost ten or fifteen minutes, as do phrases requiring specialist knowledge – ‘Hanseatic’, ‘nerve-ending’, or ‘subjunctive’. Jacob notices that where a Dutch pupil would say, ‘I don’t understand,’ the interpreters lower their eyes, so the teacher cannot merely explicate, but must also gauge his students’ true comprehension.

Die in der Überschrift gestellte Frage betrifft Jacobs Ermittlungen im Zusammenhang mit Macht, Betrug und Korruption. Dazu tragen auch die in diesem Roman vorkommenden Dolmetscher bei. Interessanterweise wird die Frage nach Macht und Korruption der Dolmetscher in einem Interview von Leonard Lopate mit David Mitchell auf WNYC (New York Public Radio, The Leonard Lopate Show so aufgeworfen:

Leonard Lopate: It is interesting that Japanese interpreters are some of the most powerful people on the island and also the most corrupt. Because having the ability to translate between the two cultures gave them also some form of political power…
David Mitchell: It does. Language IS power…

Alles in allem, ein großes, spannendes Buch voller Sprachmacht und starker Bilder. Die deutsche Übersetzung ist noch nicht erschienen (Stand: Oktober 2011). Auch die russische Übersetzung fehlt, obwohl drei andere Bücher von David Mitchell (unter anderem „The Cloud Atlas“) ins Russische schon übersetzt sind. In den russischsprachigen Rezensionen auf „The Thousand Autumns“ wird der Name „Jacob de Zoet“ in verschiedenen kyrillischen Schreibweisen transkribiert. Ich bin gespannt, welche Entsprechung die verschiedenen sprachlichen Eigenarten, Akzente und Aussprachen in der künftigen russischen Übersetzung finden werden.

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