November 2011

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Das neueste Buch von David Bellos (“Is That a Fish in Your Ear? – Translation and the Meaning of Everything”, Faber & Faber, New York, 2011) gehört in die Kategorie Populärwissenschaft. „Populärwissenschaftliche Literatur zielt nicht auf Wissenschaftler, sondern vielmehr auf den interessierten Laien ab... Bei den Verfassern populärwissenschaftlicher Literatur handelt es sich in der Regel um Wissenschaftler oder Wissenschaftsjournalisten“, so Wikipedia. Damit stellen wir eins von vornherein fest: Das Buch handelt von Übersetzungen und Sprachen und ist von einem Übersetzer (auch Wissenschaftler, denn David Bellos unterrichtet Französisch und Komparative Literatur an der Princeton-Universität und ist Leiter des Princeton-Programms Übersetzung und Interkulturelle Kommunikation) geschrieben. Zugleich ist das Buch weniger für professionelle Übersetzer/Dolmetscher gedacht, sondern vielmehr für alle, die sich für Übersetzungen und Sprachen interessieren.

Diesen „interessierten Laien“ bietet das Buch eine Menge an aufklärenden, unterhaltsamen und zum Denken anregenden Informationen. Dazu gehören zahlreiche facts and figures über exotische Sprachen, Sprachgebräuche und allerlei sprachliche Idiosynkrasien. Was das Wort „Barbar“ ursprünglich für die Griechen bedeutete und warum Deutsche auf Russisch „nemcy“ heißen? Mit den gelieferten Erklärungen kann man durchaus bei Wer wird Millionär punkten, aber auch ernstere, historische Ausführungen tragen zur Verbesserung des allgemeinen Wissensstands bei.

Dazu zählt die Geschichte des Simultanübersetzens, die auf den Nürnberger Prozess zurückgeht. Oder die Beschreibung der Arbeitsweise der Generaldirektion Übersetzung in der EU sowie Beispiele kniffliger Interpretationen von juristischen Formulierungen für und wider des Angeklagten, je nachdem welcher Sprachversion der EU-Regelung der Richter sich bedient. Auch amüsante, bereits anekdotisch gewordene Geschichten über translatorische Schwierigkeiten während politischer Auftritte (Stichwort Nikita Chruschtschow) fehlen nicht in diesem Buch.

Naturgemäß spielt das Thema Humor in der Übersetzung bzw. die Frage, ob sich Humor übersetzen lässt, eine wichtige Rolle im Buch, in dessen Titel schon eine humorvolle Frage steht. Unter vielen Beispielen ist mein Favorit David Bellos’ eigene Übersetzung der ironisch-parodistischen Visitenkarte, die der Held des Romans von Georges Perec im Schaufenster eines Pariser Geschäfts entdeckt:

 Adolf Hitler
Fourreur

Das französische Wort fourreur bedeutet Pelzhändler bzw. Kürschner, entspricht aber zugleich der französischen Aussprache des deutschen Worts „Führer“. Die englische Übersetzung dieser joke visiting card von David Bellos lautet:

 Adolf Hitler
German Lieder

Auch wenn das Buch, wie ich anfangs schrieb, weniger für professionelle Übersetzer und Dolmetscher gedacht ist, so finden language professionals hier doch jede Menge wertvolle, aufschlussreiche Erkenntnisse und Informationen. Zugegeben, die Problematik der Übersetzung von Gedichten (Strophenform, Reim, Metrum usw.) zieht am Übersetzer technischer Dokumentationen vorbei. Jedoch haben viele Themen, die das Buch behandelt, eine universelle, logisch-philosophische Relevanz.

Zum einen betrifft es die Rolle und den Stellenwert der Übersetzung in der Kultur. Interessant ist die Differenzierung zwischen translation UP und translation DOWN, aber auch das Thema Sinn oder Bedeutung, das eigentliche Thema dieses Buches (“Translation and the Meaning of Everything”), wird hier sehr geistreich und innovativ behandelt. So z.B. wie die Übersetzung hilft, selbst das vermeintlich Unaussprechliche des Originals zu durchleuchten und zu verstehen (“one of the truths of translation – one of the truths that translation teaches – is that everything is effable”).

Zum anderen sind es David Bellos’ Thesen zum Thema Kontext. Deren populärwissenschaftlicher Charakter schmälert in keinster Weise den inhaltlichen Wert dieser Ausführungen im engen beruflichen Sinne. “Translation means translating meaning.” Und: “Any piece of language behavior, even a simple request for coffee, acquires a different meaning when its context of utterance is changed”.

Das Beispiel mit der französischen Übersetzung des finales Satzes “It’s complicated” in einem amerikanischen Film als „Pas si simple!“ (und nicht „C’est compliqué“) hätte mir sicherlich geholfen, als ein Unternehmensberater, für den ich mal dolmetschte, mich fragte, warum ich häufig, wenn es um „kleine Unternehmen“ im Deutschen geht, im Russischen eher «небольшое предприятие», also „nicht-großes Unternehmen“ sage.

All die Kollegen, die sich vor der Zunahme maschineller Übersetzungen fürchten, würden sich in ihren Sorgen nach der Lektüre des Kapitels über Google Translate bestärkt fühlen. Ohne dieses Buch hätte ich nicht gewusst, dass die Grand Challenges of the 21st Century, wie diese in der Science Policy Roadmap der US-Administration formuliert sind, neben billigen („wie Wandfarbe“) Solarzellen und intelligenten Prothesen auch die Entwicklung von “automatic, highly accurate and real-time translation between the major languages of the world – greatly lowering the barriers to international commerce and collaboration” vorsieht.

Zwei “truths about translations”, die in diesem Buch offenbart sind, finde ich besonders wichtig. Die erste Wahrheit betrifft sowohl Kontext als auch den Adressaten: “Translators do not translate Chinese kitchen recipes ‘into English’. If they are translators, they translate them into kitchen recipes”. Was der US-amerikanische Dichter C.K. Williams über Poesie sagt: “You don’t translate poetry into ‘English’ but into poetry”, sollte eigentlich als Gebot für alle Übersetzungen gelten. Eine deutsche Betriebsanleitung ins Russische zu übersetzen bedeutet diese Betriebsanleitung nun für den russischen Adressaten zu erstellen.

Die zweite Wahrheit ist David Bellos’ Antwort auf die Frage, was in der Übersetzung verloren geht. Um im populärwissenschaftlichen Genre zu bleiben, verzichte ich auf einen Exkurs zum Thema Denotative und konnotative Bedeutung (auch wenn der Begriff connotation in diesem Buch mir doch fehlte). Hier die abschließenden Worte des Autors: “If you’re looking for the ineffable, stop here. It’s blindingly obvious. It’s not poetry but community that is lost in translation. The community-building role of actual language use is simply not part of what translation does. But translation does almost everything else. It is translation, more than speech itself, that provides incontrovertible evidence of the human capacity to think and to communicate thought. We should do more of it.”

Für alle, die auf der Suche nach Auftragsverwaltungs- bzw. CRM-Software für Übersetzer und Dolmetscher sind, hier ein aktueller Tipp:

Da die neueste, 10. Version von TOM (Translator’s Office Manager) momentan nur als TOM Agentur/Team verfügbar ist, verkauft Jovo-Soft (Joachim Voigt Translation & Software aus Berlin) die abgespeckte Vorgängerversion für Einzelübersetzer bzw. Freiberufler (Solito) zu ca. 70 €. (Ich schreibe bewusst “ca.”, weil der Preis auf der deutschen Seite von Jovo-Soft mit 75 € angegeben ist, auf der englischen aber mit 65 €. Es lohnt sich also, auf das britische Fähnchen auf der Startseite zu klicken.)

Das Angebot ist, wie die Website verlauten lässt, zeitlich begrenzt, sprich bis zum Aktualisieren auch der Freiberuflerversion. Der wesentliche Unterschied zwischen Agentur/Team und Solito besteht darin, dass die Struktur der Solito-Datenbank eine Kategorie vermissen lässt, nämlich (andere) Übersetzer/Lieferanten (der Einzelübersetzer arbeitet per Definition allein bzw. will kein Geld ausgeben, um seine Kollegen in die Datenbank einzutragen). Der Unterschied zwischen den Versionen 9 und 10 wird ausführlich erklärt, meines Erachtens deutet es aber auf einige Verschlimmbesserungen hin. Als Verschlimmbesserung bezeichne ich vor allem die grundsätzliche Tendenz, jede neue Softwareversion mit immer weiteren Funktionen und Optionen zu befüllen, anstelle das Programm einfacher und überschaubarer zu gestalten. Wenn all die unzähligen Features schon in der Beschreibung nicht in meinen unmittelbaren Nutzen „übersetzt“ werden (d.h. was nutzt mir z.B. zu wissen, dass die Benutzeroberfläche ab jetzt noch mehr Aufklappmenüs hat?), befürchte ich die Gefahr, dass der software vendor nicht nur einen Marketingfehler begeht, sondern womöglich auch die Bedürfnisse der Zielgruppe nicht richtig erkannt hat.

Bei der Menge von Tabellenzellen und Feldern, die erwarten, von mir ausgefüllt zu werden, wenn ich z.B. einen Kunden oder einen Auftrag erfassen möchte, muss ich unwillkürlich an die im Fernsehen immer wieder gefeaturten Ärzte denken, die angesichts des von Ihnen geforderten verwaltungstechnischen Aufwands keine Zeit mehr haben, sich um Patienten zu kümmern.

Auch die neuen, vermeintlich nützlichen Funktionen, wie die automatisierte Kommunikation (Sammelmail an mehrere Übersetzer oder automatisch generierte Terminerinnerungen mit einem Standard-Text, der in >Ben.Einst. >Formulare >E-Mail-Templates >ÜbAuftr (!!!) definiert wird – viel Freude damit!), sind meiner Meinung nach eher kontraproduktiv für die (häufig wechselseitigen und – noch wichtiger – noch menschlichen) Beziehungen zwischen Kunden und Lieferanten.

Wie auch immer, es kommt etwas Bewegung in das Marktsegment Verwaltungssoftware für Übersetzer. Wenn LinguiProfi immer noch mit den „aktuellen Neuigkeiten“ vom November 2010 wirbt (Vergünstigte Version für Berufseinsteiger… Sie sind selbständig und haben eine gültige Gewerbeanmeldung… (!!!) Die Anmeldung Ihres Gewerbes (?!) liegt nicht länger als zwei Jahr (genau, „zwei Jahr“, richtig gelesen) zurück…), wenn auch LinguAss, ein sehr sympathisches, wohlgemerkt, Softwareprodukt, nicht weiter entwickelt wird, ist das Erscheinen einer neuen Version von TOM schon ein bemerkenswertes Ereignis! Was denn nun? Make or buy?

Für mich persönlich war das Entscheidende, dass TOM ein auf die Bedürfnisse eines Übersetzungsbüros zugeschnittene FileMaker-Template darstellt. Wenn man also einigermaßen technikaffin ist, warum nicht gleich das „Original“ (FileMaker) nehmen und nach seinen Bedürfnissen anpassen. Es gibt auch vielfältige freie, customizable Templates, u.a. FM Starting Point von Richard Carlton Consulting Inc. (Bild oben), die im Grunde die gleiche Funktionalität bieten. Nichtsdestotrotz ist TOM Solito in der aktuellen, 9. Version, eine klare Kaufempfehlung, zumal man auch die kostenlose Testversion 30 Tage lang ausprobieren kann. Das die Software zu diesem Preis (65 €? 75 €?) als „nicht upgradefähige Lizenz“ angeboten wird, würde ich in Kauf nehmen.