Als vor einigen Jahren die Europäische Qualitätsnorm für Übersetzungsdienstleistungen EN 15038 erschien, entflammte unter Übersetzern und Dolmetschern eine heftige Diskussion vor allem im Zusammenhang mit dem so genannten Vier-Augen-Prinzip. Wider Erwarten bedeutet dieser Grundsatz kein vertrauliches Zwiegespräch unter vier Augen oder, wie man im Russischen sagt, s glasu na glas (Auge in Auge), das vom Dolmetscher ein Höchstmaß an Vertraulichkeit erfordert. Nein, das Vier-Augen-Prinzip setzt voraus, dass sich mindestens zwei Personen an einer Übersetzung beteiligen, wenn diese Übersetzung in Übereinstimmung mit EN 15038 erstellt wird. Das eine Paar Augen kontrolliert das andere, 2nd look, double check, dual control…
Bei den vielen Argumenten pro et contra ging es meistens darum, dass, sollte sich dieses Prinzip durchsetzen, die Folgen nicht nur für die Qualität der Übersetzung, sondern auch für den Preis, die Laufzeit des Auftrags usw. bis zur Ausführbarkeit des Auftrages zu spüren wären. Dabei blieb häufig übersehen, dass allein der explosionsartige Zuwachs an leicht zu erstellenden Publikationen aller Art für eine sorgfältigere Kontrolle spricht. Bedenkt man dazu, dass immer mehr Texte per copy and paste produziert und immer mehr Übersetzungen maschinell gefertigt werden, so findet man immer weniger Einwände gegen eine zweite Person zur Kontrolle. Oder überhaupt gegen eine Person, denn der erste „Übersetzer“ hat heutzutage oftmals gar keine Augen. Erst im Falle eines zweiten Übersetzers (zuständing für das Post-editing von maschinell übersetzten Texten) handelt es sich von einer menschlichen Person.
Meine These ist, dass das Vier-Augen-Prinzip sich schon aus diesem Grunde durchsetzen sollte. Auch trotz oder eher wegen der Verwendung von Übersetzungssoftware (CAT oder TEnT). Andernfalls drohen uns immer mehr Fehler. Inhaltsfehler, Druckfehler, Flüchtigkeitsfehler, welch Fehler auch immer…
Neulich in Russland entwickelte ich meine These über das Vier-Augen-Prinzip als künftiger „Selbstläufer“ im Gespräch mit einer russischen Kollegin und erwähnte Zeitungsüberschriften und Großplakate, die von Druckfehlern nicht verschont geblieben sind. Nun sei die Neonreklame dran. Und tatsächlich, nur ein Tag später, als ich im Flughafen Moskau-Sheremetyevo auf meinen Flug wartete, fiel mein Blick auf das Leuchtschild vor dem Duty-Free-Shop. Ich dachte, ich übertreibe, aber schauen Sie sich bitte diese fesche Aufmachung selber an:
Sploschnaja Illuminazija, wie die russische Übersetzung des Titels des Romans „Everything Is Illuminated“ (auf Deutsch „Alles ist erleuchtet“) von Jonathan Safran Foer lautet…
Es wird also immer Arbeit für Übersetzer geben, wenn auch „nur“ auf den zweiten Blick! Zugegeben, anfangs stand auch ich etwas skeptisch dem Vier-Augen-Prinzip gegenüber. Allmählich wechsele ich innerlich die Seite. Skeptisch ja. Noch. Aber immer weniger.


