Als Dolmetscher unterwegs

You are currently browsing the archive for the Als Dolmetscher unterwegs category.


Hochseilgarten im russischen Tscheljabinsk, Südural

Bei der Neuschöpfung in der russischen Sprache fallen Neologismen auf, die zwar aus dem Englischen abgeleitet sind, klingen aber russisch wie vom Volksmund vor Jahrhunderten gebildet. Manchmal ist die Grenze zwischen Archaismen und Neologismen sehr dünn. Es entstehen Wortschöpfungen und Redewendungen wie копипастить (kopipastit’, entlehnt von “copy and paste“) oder расшаренный (rasscharennyj, im Sinne von „shared“, wenn man z.B. über im Netz freigegebenen Drucker oder über Medien und Dateien für den gemeinsamen Zugriff spricht).

Ein russisches Neuwort (oder zumindest ein für mich neues Wort), das meines Wissens noch in keinem „offiziellen“ Wörterbuch, aber auch in „sozialen“ Internet-Wörterbüchern wie Multitran verzeichnet ist, entdeckte ich neulich im russischen Tscheljabinsk. Ein weiteres Bespiel davon, wie dicht the private and the professional nebeneinander liegen, wenn man als Dolmetscher unterwegs ist.

Gleich am ersten Tag, im Park neben der Staatlichen Universität Südural, die sich abgekürzt im Russischen ЮурГУ (JuUrGu) und im Deutschen laut Wikipedia nicht minder ähnlich SUSU nennt, fand ich einen Hochseilgarten, und zwar viel extremer, als die mir bekannten derartigen Anlagen in und um Hamburg. Der Hochseilgarten in Tscheljabinsk heißt dementsprechend „Les-Ekstrim“, nicht im Sinne von „les“ im Französischen, sondern weil Wald im Russischen лес (les) heißt. In anderen Worten, Wald Extrem

Schon das erste Mal, als ich den Hochseilgarten am Lütjensee in der Nähe von Hamburg entdeckte, fragte ich mich, wie wohl der Begriff adventure park im Russischen klingen mag. Die beliebteste Attraktion ist dabei das Schwingen am Seil oder das Hinabsausen an einem Drahtseil, gesichert im Klettergurt, über den Wald. Im Englischen heißt so eine Art Seilbahn zip line, im Russischen tarzanka. Eigentlich wird im Russischen als tarzanka gelegentlich auch bungee jumping bezeichnet, so dass die Abgrenzungen fließend sind. Eine genauere Übersetzung für Hochseilgarten oder high ropes course im Englischen wäre веревочный парк bzw. веревочный парк приключений на деревьях, aber, wie ich festgestellt habe, bleibt es für die meisten tarzanka in der Umgangssprache. Das Wort, wie aus der Kindheit. International verständlich, mit einer typischen „-ka“-Endung, wie in vielen Verniedlichungsformen*. In Großbritannien gibt es übrigens bereits eine Unterhaltungskette, die bezeichnenderweise Go ape heißt. Ich finde beides, sowohl tarzanka, als auch Go ape ziemlich treffend.

* Noch ein paar beispielhafte -ka-Endungen, beide umgangssparchliche Bezeichnungen von technischen Begriffen, die ebenso sympatisch und irgendwie kindisch klingen:
вагонка (wagonka) – Fassadenholz, Hoilzverschalungen
болгарка (bolgarka) – Einhand-Winkelschleifer, Trennschleifer, Flex

Artikel über Hochseilgarten in der russischen Wikipedia: Верёвочный курс

Hochseilgarten in Tscheljabinsk:

Tarsanka in Chelyabinsk

Als vor einigen Jahren die Europäische Qualitätsnorm für Übersetzungsdienstleistungen EN 15038 erschien, entflammte unter Übersetzern und Dolmetschern eine heftige Diskussion vor allem im Zusammenhang mit dem so genannten Vier-Augen-Prinzip. Wider Erwarten bedeutet dieser Grundsatz kein vertrauliches Zwiegespräch unter vier Augen oder, wie man im Russischen sagt, s glasu na glas (Auge in Auge), das vom Dolmetscher ein Höchstmaß an Vertraulichkeit erfordert. Nein, das Vier-Augen-Prinzip setzt voraus, dass sich mindestens zwei Personen an einer Übersetzung beteiligen, wenn diese Übersetzung in Übereinstimmung mit EN 15038 erstellt wird. Das eine Paar Augen kontrolliert das andere, 2nd look, double check, dual control

Bei den vielen Argumenten pro et contra ging es meistens darum, dass, sollte sich dieses Prinzip durchsetzen, die Folgen nicht nur für die Qualität der Übersetzung, sondern auch für den Preis, die Laufzeit des Auftrags usw. bis zur Ausführbarkeit des Auftrages zu spüren wären. Dabei blieb häufig übersehen, dass allein der explosionsartige Zuwachs an leicht zu erstellenden Publikationen aller Art für eine sorgfältigere Kontrolle spricht. Bedenkt man dazu, dass immer mehr Texte per copy and paste produziert und immer mehr Übersetzungen maschinell gefertigt werden, so findet man immer weniger Einwände gegen eine zweite Person zur Kontrolle. Oder überhaupt gegen eine Person, denn der erste „Übersetzer“ hat heutzutage oftmals gar keine Augen. Erst im Falle eines zweiten Übersetzers (zuständing für das Post-editing von maschinell übersetzten Texten) handelt es sich von einer menschlichen Person.

Meine These ist, dass das Vier-Augen-Prinzip sich schon aus diesem Grunde durchsetzen sollte. Auch trotz oder eher wegen der Verwendung von Übersetzungssoftware (CAT oder TEnT). Andernfalls drohen uns immer mehr Fehler. Inhaltsfehler, Druckfehler, Flüchtigkeitsfehler, welch Fehler auch immer…

Neulich in Russland entwickelte ich meine These über das Vier-Augen-Prinzip als künftiger „Selbstläufer“ im Gespräch mit einer russischen Kollegin und erwähnte Zeitungsüberschriften und Großplakate, die von Druckfehlern nicht verschont geblieben sind. Nun sei die Neonreklame dran. Und tatsächlich, nur ein Tag später, als ich im Flughafen Moskau-Sheremetyevo auf meinen Flug wartete, fiel mein Blick auf das Leuchtschild vor dem Duty-Free-Shop. Ich dachte, ich übertreibe, aber schauen Sie sich bitte diese fesche Aufmachung selber an:

Sploschnaja Illuminazija, wie die russische Übersetzung des Titels des Romans „Everything Is Illuminated“ (auf Deutsch „Alles ist erleuchtet“) von Jonathan Safran Foer lautet…

Es wird also immer Arbeit für Übersetzer geben, wenn auch „nur“ auf den zweiten Blick! Zugegeben, anfangs stand auch ich etwas skeptisch dem Vier-Augen-Prinzip gegenüber. Allmählich wechsele ich innerlich die Seite. Skeptisch ja. Noch. Aber immer weniger.

A recent “article of note”, in the terminology of Arts and Letters Daily, focusing on Haruki Murakami on the eve of October 25, the release date of his monumental 1Q84 in the US (I never realized the book was not officially existing until today, considering many, and in many languages, pirate e-book versions already available on the Internet), contains the word “translator” (or its derivatives) not once, but quite a few times. It appears both natural and remarkable that translation as such would deserve being repeatedly mentioned in an article on a translated book. However, it is not specifically the translation of the book which Sam Anderson, the author of “The Fierce Imagination of Haruki Murakami” in New York Times refers to when writing about (and interviewing) the enigmatic Japanese writer.

“The relationship … is far more complicated than I ever could have guessed from the safe distance of translation”. “The act of translation — shuttling from one world to another — …is in many ways the key to understanding Murakami’s work.” “You could even say that translation is the organizing principle of Murakami’s work: that his stories are not only translated but about translation.” Yet, it was another instance of the key word “translator” which drew my attention and sort of got me going.

“Murakami speaks excellent English in a slow, deep voice. He dislikes, he told me, speaking through a translator.

In my own experience, he is certainly not the only one. Quite often, when doing an interpreting job, I hear the starting apology of the person I translate for (negotiator, lecturer, presenter…) about his/her not speaking the language of the counterpart, thus having, regrettably, to resort to an interpreter. There is a certain consolation to reflect that each profession results from the need to compensate for deficiencies and insufficiencies of the others (was it not Plato who observed that the division of labor lies in the natural inequality of humanity?), but nevertheless… It is certainly not unusual to dislike something you can do only through a proxy. So, if you earn money as a principal’s proxy, how to cope with the principal’s dislike (i.e. justify yourself, for this matter)?

The answer may be not far to seek. “When Murakami sat down to write his first novel, he struggled until he came up with an unorthodox solution: he wrote the book’s opening in English, then translated it back into Japanese. This, he says, is how he found his voice.” “(Murakami’s) entire oeuvre, in other words, is the act of translation dramatized”. It might sound a little bit artsy, but I am growing fond of the word “transcreation”. It is certainly the added value when it comes to something outside the mere need to overcome constraints and deficiencies of somebody who just doesn’t speak the language of his/her audience. Actually, transcreation is something that I have been doing for many years, not necessarily only when working with advertising or PR agencies. (Remember the slogan “Better than the original”.) It is something which boosts your morale or gives you some justification, if you need to guard yourself against likes and dislikes of your customers.

Well, no need to dramatize things. Our reality is far more prosaic. Another quotation from the above article brings me back to facts and figures: “Some bookstores are planning to stay open until midnight on (the) release date, Oct. 25. Knopf (the publishing house) was in such a hurry to get the book into English that they split the job between two translators, each of whom worked on separate parts.” Split the job… Such a hurry… Worked on separate parts… Sounds more familiar, doesn’t it?

Andronaco_ Tomarenko Übersetzung_russisch 02

Wenn man als Dolmetscher unterwegs ist, vermischt sich manchmal das Berufliche mit dem Privaten. Diesmal hatte ich das Vergnügen, als Dolmetscher das Unternehmen kennen zu lernen, das ich als Kunde schon seit Jahren gut kenne.

Eine Gruppe von usbekischen Führungskräften, die im Rahmen des Programms des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) einen einmonatigen Trainingskurs „Fit for Partnership with Germany“ in Deutschland absolvierte, kam nach Hamburg, um unter anderem Andronaco GmbH & Co. KG zu besuchen. Buongiorno e benvenuti! In der Hamburger Zentrale trafen wir auf Vincenzo Andronaco, der sein Grande Mercato als ein wahres Stück Italien präsentierte. Eine spannende Geschichte eines italienischen Einwanderers, der vor vielen Jahren aus einem kleinen sizilianischen Ort abgehauen war und, mit nur zwei DM in der Tasche, nach Hamburg kam. Nachdem er in der Hansestadt hier und da und auch im Hafen gearbeitet hatte, machte er später einen kleinen („vier Quadratmeter“) Lebensmittelladen in Hamburg-Billbrook auf und leitet nun einen bundesweit operierenden Filialbetrieb für italienische Lebensart. Solche Geschichten zu übersetzen macht Spaß! Aus erster Hand, quirlig, lebendig, gefüllt mit Witz und Weisheiten. So wie die wichtigsten Management-Ratschläge für die usbekischen Führungskräfte: „immer mit beiden Füßen auf der Erde bleiben“ (sempre coi piedi per terra) und „konstante, konstante, konstante“. Und noch eins. Selbst wenn der Maestro sich mittlerweile als Andronáco vorstellt, die richtige Betonung, wie die echten Kenner wohl wissen, bleibt Andrónaco. Bestätigt höchstpersönlich und eins zu eins übersetzt.

Probe - VT

Konferenzdolmetschen ist wie Schwimmen: Um das Schwimmen zu lernen, muss man ins Wasser. Um das Simultandolmetschen zu trainieren, soll man sich in die Dolmetscherkabine begeben. Und, ähnlich wie beim Sport, ist Mentales Training angesagt. Wie man sich auf einen Dolmetschereinsatz am besten einstellt, um „in den Fluss“ zu kommen, darüber steht leider nicht viel in der einschlägigen Fachliteratur (auch in den bereits klassischen Büchern von Lynn Visson, z.B. “From Russian into English: An Introduction to Simultaneous Interpretation“).
Zum Simultandolmetschen auf einer internationalen Konferenz bereite ich mich häufig so vor, in dem ich bilinguale Textquellen oder entsprechende Audioaufnahmen ausfindig mache. Hier ein paar kurze Tipps aus eigener Erfahrung, welche Medien, zumindest bei ganz allgemeinen Thematiken, dabei hilfreich sein können.

Ich persönlich finde, um sich über aktuelle Ereignisse zu informieren, ob ganz allgemein oder zu einem konkreten Thema, ist The Economist nach wie vor das Beste, was die englischsprachigen Medien zu bieten haben. Die Website ist ein großartige Sammlung von diversen Inhalten in hervorragender sprachlicher Qualität, unter denen man schnell etwas Passendes zum aktuellen Anlass findet. Die Audioedition von The Economist hat seit langem einen festen Platz in meiner täglichen „Lektüre“ eingenommen. Wenn es um englisch – russisch geht (und natürlich englisch + jede andere Zielsprache), kann man mit dem MP3-Player das Dolmetschen hervorragend aktiv üben, aber auch als „passiver“ Zuhörer kommt man dank aktueller Audioausgaben von The Economist schnell in die Stimmung bzw. in den Rhythmus eines gesprochenen Vortrags.

Bei der Lektüre im klassischen (Seh)sinne, mit dem Fokus auf Russland, gehören die Zeitschriften von AHK (Deutsch-Russische Auslandshandelskammer) Saldo und Impuls, auch als PDF zum Download bereit, zu meinen Favoriten. Gut recherchierte, thematisch interessante Artikel, Nachrichten, Reportagen und Interviews erscheinen bilingual, immer sehr gut, sowohl präzise als auch idiomatisch, übersetzt, so dass es, sprachlich gesehen, einem schwer fällt, zwischen Übersetzung und Original zu unterscheiden. Häufig weiss ich wirklich nicht, welche Sprachversion – die deutsche oder russische Fassung – als erste auf die Welt kam und später als Vorlage für die Übersetzung in die andere Sprache diente. Wenn man Übersetzer / Übersetzerin ist bzw. sich mit den technischen Mitteln eines Übersetzers einigermaßen gut auskennt, kann man die Artikel alignieren (und – noch ein persönlicher Tipp am Rande – wenn man zum Alignieren nicht die allgegenwärtige Trados-Software, sondern Abbyy Aligner verwendet, bekommt man nicht nur ein Translation Memory (als .tmx-Datei), sondern auch eine wunderbare bilinguale Tabelle mit parallelen Texten, Satz für Satz, im RTF-Format).

Unter den Nachrichtenportals und insbesondere den Blogs, die man liest, um sich ein Bild über aktuelle Geschehnisse in Russland aus der deutschen Perspektive (und, was für mich als Dolmetscher und Übersetzer in einer solchen Situation noch wichtiger ist, in guter deutscher Sprache) zu verschaffen, möchte ich an dieser Stelle Russland-Blog vom Länderbüro der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau hervorheben. Selbst wenn man die eigentlichen inhaltlichen Aspekte beiseite läßt, so überzeugt der Blog durch authentische, stets gut formulierte und stilistisch sichere journalistische Beiträge, die keine übliche politische Korrektheit, sondern einen persönlichen Blick des Autors wiedergeben.

Zu guter Letzt: Wenn Sie sich als Konferenzdolmetscher in ein Small-Talk-Gespräch in der Pause verwickeln lassen und über etwas Neues „in eigener Sache“ beitragen wollen, ist „A computer newsletter for translation professionals“ von Jost Zetzsche das Beste, um sich über neue technische Entwicklungen in der Übersetzungsbranche zu informieren und mit Kollegen und Kunden auszutauschen. Deswegen lautet meine letzte Empfehlung: Abonnieren Sie diesen Newsletter , zumindest in der gekürzten, kostenlosen Variante („the Premium edition costs just $25 per year for an individual subscription“, „the Basic edition is a FREE subscription that includes fewer articles and features than the premium edition“), und, wenn ich gerade bei Empfehlungen bin, auch diesen Blog. Der kostet nämlich sogar gar nichts.