The future is now

Übersetzungsbranche – Aussichten und Perspektiven

Als vor einigen Jahren die Europäische Qualitätsnorm für Übersetzungsdienstleistungen EN 15038 erschien, entflammte unter Übersetzern und Dolmetschern eine heftige Diskussion vor allem im Zusammenhang mit dem so genannten Vier-Augen-Prinzip. Wider Erwarten bedeutet dieser Grundsatz kein vertrauliches Zwiegespräch unter vier Augen oder, wie man im Russischen sagt, s glasu na glas (Auge in Auge), das vom Dolmetscher ein Höchstmaß an Vertraulichkeit erfordert. Nein, das Vier-Augen-Prinzip setzt voraus, dass sich mindestens zwei Personen an einer Übersetzung beteiligen, wenn diese Übersetzung in Übereinstimmung mit EN 15038 erstellt wird. Das eine Paar Augen kontrolliert das andere, 2nd look, double check, dual control

Bei den vielen Argumenten pro et contra ging es meistens darum, dass, sollte sich dieses Prinzip durchsetzen, die Folgen nicht nur für die Qualität der Übersetzung, sondern auch für den Preis, die Laufzeit des Auftrags usw. bis zur Ausführbarkeit des Auftrages zu spüren wären. Dabei blieb häufig übersehen, dass allein der explosionsartige Zuwachs an leicht zu erstellenden Publikationen aller Art für eine sorgfältigere Kontrolle spricht. Bedenkt man dazu, dass immer mehr Texte per copy and paste produziert und immer mehr Übersetzungen maschinell gefertigt werden, so findet man immer weniger Einwände gegen eine zweite Person zur Kontrolle. Oder überhaupt gegen eine Person, denn der erste „Übersetzer“ hat heutzutage oftmals gar keine Augen. Erst im Falle eines zweiten Übersetzers (zuständing für das Post-editing von maschinell übersetzten Texten) handelt es sich von einer menschlichen Person.

Meine These ist, dass das Vier-Augen-Prinzip sich schon aus diesem Grunde durchsetzen sollte. Auch trotz oder eher wegen der Verwendung von Übersetzungssoftware (CAT oder TEnT). Andernfalls drohen uns immer mehr Fehler. Inhaltsfehler, Druckfehler, Flüchtigkeitsfehler, welch Fehler auch immer…

Neulich in Russland entwickelte ich meine These über das Vier-Augen-Prinzip als künftiger „Selbstläufer“ im Gespräch mit einer russischen Kollegin und erwähnte Zeitungsüberschriften und Großplakate, die von Druckfehlern nicht verschont geblieben sind. Nun sei die Neonreklame dran. Und tatsächlich, nur ein Tag später, als ich im Flughafen Moskau-Sheremetyevo auf meinen Flug wartete, fiel mein Blick auf das Leuchtschild vor dem Duty-Free-Shop. Ich dachte, ich übertreibe, aber schauen Sie sich bitte diese fesche Aufmachung selber an:

Sploschnaja Illuminazija, wie die russische Übersetzung des Titels des Romans „Everything Is Illuminated“ (auf Deutsch „Alles ist erleuchtet“) von Jonathan Safran Foer lautet…

Es wird also immer Arbeit für Übersetzer geben, wenn auch „nur“ auf den zweiten Blick! Zugegeben, anfangs stand auch ich etwas skeptisch dem Vier-Augen-Prinzip gegenüber. Allmählich wechsele ich innerlich die Seite. Skeptisch ja. Noch. Aber immer weniger.

Translation - deutsch-englisch-russisch

Als hauptberuflicher Übersetzer und Dolmetscher gegen Übersetzungen per se aufzutreten, mutet sich vielleicht etwas merkwürdig an. Gestern, beim Lesen der Süddeutschen Zeitung, fiel mir der Briefkasten eines befreundeten Werbegrafikers ein, der mit dem Aufkleber „Keine Werbung“ scheinbar gegen Interessen der eigenen Zunft vorzugehen versuchte. Es mag zumindest kontraproduktiv für jemand in diesem Metier erscheinen, sich gegen Übersetzung und für das Original einzusetzen, nichtsdestotrotz fühlte ich mich gestern berufen, diesen bescheidenen Beitrag zur Unterstützung Peter Claessens’ Artikel in der Süddeutschen Zeitung zu leisten.

Der niederländische, neuerdings in Köln lebende Autor Peter Claessens thematisiert die obligatorische, allgegenwärtige Nachsynchronisierung fremdsprachiger Filme im deutschen Fernsehen: “So schön die deutsche Sprache auch sein kann…, es bedeutet für mich eine Verarmung, keine anderen Sprachen mehr zu hören, seit ich in Deutschland wohne.”

Der Artikel von Peter Claessens im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (Montag, 9. Mai 2011) heißt „De Niro klingt doch auf Deutsch viel besser“ (You’re talkin’ to me? Sehnsüchte eines Niederländers im vollsynchronisierten Deutschland) und bringt so ziemlich auf den Punkt, was ich (kein Niederländer) angesichts des fehlenden Originaltons im deutschen Fernsehen empfinde, seitdem auch ich in Deutschland wohne.

Vor über zwanzig Jahren, noch bevor ich aus Russland nach Deutschland zog, hörte ich zum ersten Mal über diese deutsche Unsitte, sämtliche ausländischen Filme zu synchronisieren, von einem Kollegen aus der Schweiz. Mit Stolz und einem gewissen Patriotismus erklärte er mir damals, dass die Schweizer in ihren Kinos im Unterschied zu den Nachbarn im Norden stets das Original zu hören bekommen. Mag sein, dass „die deutsche Stimme von De Niro“ in der Tat viel besser klingt, von meinen englischen Kollegen hörte ich schon was anderes in Bezug auf Nicholas Cage oder viele Sprachwitze, die in der Übersetzung und Nachsynchronisierung spurlos verschwunden sind.

Ich glaube aber nicht, dass es ausgerechnet die Ausländer sind, die diesbezüglich so empfindlich reagieren. Ich kenne genug Deutsche “ohne Migrationshintergrund”, die die HBO-Serien, die sich Six Feet Under (klingt etwa auch dieser Titel nicht auf Deutsch viel besser: „Gestorben wird immer“?) oder In Treatment auf DVD anschauen, nicht nur um auf Werbeeinblendungen zu verzichten, sondern das „Echte“, sozusagen the real McCoy zu erleben.

Das gilt nicht nur für fiction, auch faction ist im deutschen Fernsehen vom Zwang, alles zu übersetzen, nicht verschont geblieben. Immer „quatscht eine deutsche Stimme durch den jeweils sprechenden Japaner, Franzosen, Amerikaner oder Chinesen hindurch, sodass man beide nicht mehr richtig versteht, nur eine Art Stimmenbrei hört“, schreibt der Autor vom Artikel. (Die billigen russischen Übersetzungen von ausländischen Filmen sind übrigens noch schlimmer, da “quatschen” immer zwei Stimmen über den Originalton – eine männliche für alle männlichen Rollen und eine weibliche für alle weiblichen.) Die Untertitel setzen sich nur marginal durch, sei es arte oder solche „the-medium-is-the-message“-Erscheinungen, wie der Auftritt von John Malkovich in der (in letzter Zeit am Rande der Belanglosigkeit stehenden) Harald Schmidt Show.

Es ist schön zu wissen, dass der Bedarf an Übersetzungen immer da ist, es ist erfreulich, wenn auch die Qualität der Übersetzung geschätzt wird. Es wäre aber richtig und an der Zeit, über die Entmündigung des Zuschauers und des Zuhörers durch das ständige, unausweichliche, unfreiwillige Übersetzen von allen und allem im deutschen Fernsehen zu debattieren. Keine Debatte über die Übersetzung als solche, sondern über die Angemessenheit der Übersetzung, genauer genommen, die Angemessenheit des immer noch fehlenden (und viel vermissten) Originaltons.

 

Kommentar v. Peter Claessens,
Autor des Artikels „De Niro klingt doch auf Deutsch viel besser“, 11.05.2010:

Danke vielmals für die Reaktion, Herr Valerij Tomarenko. Übersetzungen von Büchern sind manchmal nützlich, ich bin eben auch Übersetzer. Im Fernsehen, im deutschen Kino hat man keine Wahl, das ist entmündigend. Deutsche Fernsehfilme machen, die in Italien oder Burkina Faso, oder Moskau, spielen, wo jederman aber Deutsch spricht, ist lächerlich. Günter Rohrbach fand, dass man der ‘stillschweigenden Hinnahme dieser Barbarei’ ein Ende setzen soltte. Es verkenne die Mehrsprachigkeit der Wirklichkeit.
Herzliche Grüsse,
Peter Claessens

Flüsterdolmetschen 002

„Alle Sprachdienstleistungen aus einer Hand“.  Ist dieser optimistische Universalismus wirklich ein Alleinstellungsmerkmal in der Übersetzerbranche? Wenn man sich als Übersetzer und Dolmetscher bei ProZ registriert, bieten sich diverse Möglichkeiten an, sein berufliches Profil einzugrenzen und bestimmte Dienstleistungen an- bzw. abzuwählen: translation, interpreting, editing/proofreading, post-editing, transcription, desktop publishing, website localization, voiceover (dubbing) usw. Lange Zeit hielt ich eine so verzweigte Differenzierung für etwas künstlich, denn die meisten mir bekannten Kollegen machen ja „alles“. Zugegeben, es gibt Nur-Dolmetscher, die Übersetzungsanfragen und –aufträge selbst von bereits bestehenden Kunden grundsätzlich ablehnen, auch wenn der Kunde sich darüber wundert: Bei den Verhandlungen mit ausländischen Partnern hat sich der Dolmetscher als hervorragender Sprachmittler erwiesen, beide Seiten auch in Fachfragen wunderbar unterstützt, kennt sich mit der Materie und jetzt auch mit der Firma bestens aus, warum dann nicht auch den Vertrag im Anschluss zu den erfolgreich abgeschlossenen Verhandlungen übersetzen? Weil man halt Dolmetscher ist und kein Übersetzer, so die Antwort. Es gibt auch gute Übersetzer, die keine Dolmetschaufträge annehmen, weil sie z.B. nicht gerne reisen oder als kompromisslose Profis bevorzugen, lieber „im stillen Kämmerlein“ gründlich zu recherchieren, als sich spontan mit der anfangs unbekannten Terminologie auseinanderzusetzen. Die Gründe können ja vielfältig sein…

Je häufiger ich über die verschiedenen Arten der Übersetzertätigkeit nachdenke, desto mehr fällt mir auf, dass all diese Teilbereiche zunehmend auseinanderdriften. Die Gründe dafür sind weniger persönliche Vorlieben, mehr aber die grundlegenden wirtschaftlichen Entwicklungen und Realitäten.

Die Unterschiede zwischen Dolmetschen und Übersetzen rühren nicht nur von der Natur der Tätigkeit her, die offensichtlich ist – mündlich vs. schriftlich, spontan vs. analytisch usw., sondern auch von unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Nur zwei Charakteristika möchte ich an dieser Stelle hervorheben:

Das Dolmetschen ist lokal, das Übersetzen global. Die heutigen Übersetzer, genauso wie z.B: Programmierer, um nur ein Beispiel zu geben, sind allen möglichen Gefahren (aber auch Chancen, wenn sie outsourcen) ausgesetzt, die die Globalisierung nach sich zieht. Ein Glück nicht nur für einen indischen IT-Fachmann, sondern auch, wie man es sich gut vorstellen kann, für einen indischen Übersetzer aus dem Deutschen ins Englische. Das Dolmetschen hingegen scheint vom Preisverfall infolge der Globalisierung relativ immun, solange die Reisekosten nicht gänzlich zu vernachlässigen sind.

Auf der anderen Seite hat das Dolmetschen als Geschäftsmodell einen immanenten Nachteil, dass es nicht skalierbar ist. Mit anderen Worten basiert die Relation zwischen der Leistung und dem finanziellen Ergebnis immer auf einer bestimmten Arbeitsmenge (mal den entsprechenden Stunden- oder Tagessatz). Wie Nassim Nicholas Taleb in „The Black Swan: the Impact of the Highly Improbable“ (mit dem aktuellen Film hat dieser „Schwarze Schwan“ übrigens nichts zu tun) schreibt, „some professions, such as dentists, consultants, or massage professionals, cannot be scaled: there is a cap on the number of patients or clients you can see in a given period of time… Furthermore, your presence is (I assume) necessary for the service you provide… In these professions, no matter how highly paid, your income is subject to gravity. Your revenue depends on your continuous efforts more than on the quality of your decisions.“ Nicht dass die Entscheidungsqualität bei dem Übersetzer (im Unterschied zum Dolmetscher) grundlegend anders ist, aber die Relation zwischen Leistung und Zeit kann durchaus variieren. Die Anwesenheit wird nicht gefordert, der Übersetzer kann outsourcen, siehe Punkt oben, lokal vs. global, so schließt sich der Kreis.

Kurzum, Dolmetscher und Übersetzer sind in der Tat zwei verschiedene Berufe. Ich befürchte, dieser Unterschied wird künftig noch markanter, wenn nicht gar gravierender ausfallen, bedenkt man die neuesten Entwicklungen in der Branche. Zwar stimme ich den Autoren von Kilgray-Blog (MemoQ) in Bezug auf den etwas übertrieben angekündigten Tod des menschlichen Übersetzers durch die Maschine (MT) zu, aber der Optimismus ist verhalten.

Die zunehmende Rolle der Maschinellen Übersetzung bedeutet, meiner Meinung nach, eine zunehmende Rolle von Post-editing und anderen momentan noch marginalen Teilbereichen. Die Lage ist, wie bei den Börsennachrichten so häufig zu hören ist, uneinheitlich. Verschiebungen innerhalb der Branche sind zu erwarten und, ob „alle Sprachdienstleistungen aus einer Hand“ oder eine enge Spezialisierung, ratsam ist es jedoch, sich darauf einzustellen und sich für die Zukunft zu positionieren. Mehr Flüsterdolmetschen auf jeden Fall, gerne auch mit Dezibel-Angaben.

Google_Tranlsate Beatbox

Und nun ein kleines Glossar (wie immer: russisch – englisch – deutsch) zu einer kleinen, sinnlosen Webseite, die immerhin mit unserem Beruf – Übersetzen und Dolmetschen – mächtig zu tun und auch ein mächtiges PR (in diesem Fall keine public relations, dafür aber ein PageRank, und zwar von 8!) hat. Es handelt sich um Google Translate. Und es handelt sich um Beatbox, die Seite, wegen der dieser Google-Übersetzer wahrscheinlich mit am häufigsten aufgerufen wird. Kann sein, dass Sie den Google-Übersetzer-Service zur Genüge kennen, kann sein, dass Sie diesen Service aktiv verwenden, kann auch sein, dass Sie die Maschinelle Übersetzung an sich (machine translation, MT) missachten oder gar verachten (100% MT-free, wie ein Kollege stolz behauptet). Kann auch sein, dass Sie, im Gegenteil, den Google Tranlsate Plug-in in Ihre neueste Übersetzer-Software – SDL Trados oder MemoQ – bereits integriert haben. Was auch immer Sie von Google Translate halten, in Bezug auf diese Seite werden wir wahrscheinlich alle einig sein: Die ist sinnlos. Aber witzig, wie so manches, was der Google-Übersetzer produziert. Wenn Sie aber diese Seite noch nicht kennen oder zumindest die Google-Translate-Funktion noch nicht verwendet haben, um ausgerechnet diesen Unsinn, dazu noch aus dem Deutschen ins Deutsche, zu übersetzen, ein kleines how-to:

1. Gehen Sie zu Google Translate.
2. Stellen Sie die beiden Sprachen auf Deutsch bzw. German ein.
3. Geben Sie diesen sinnlosen Satz per copy/paste in das Fenster zum Übersetzen ein: pv zk pv pv zk pv zk kz zk pv pv pv zk pv zk zk pzk pzk pvzkpkzvpvzk kkkkkk bsch.
4. Klicken Sie auf das Lautsprecher-Zeichen (Anhören).
5. Ihr Google wird zur Beatbox. Hören Sie zu!

Oder klicken Sie einfach hier.

Und jetzt zum kleinen Glossar:

EN
DE
RU
zk suspended cymbal Hängebecken Тарелка
bschk snare Kleine Trommel Малый барабан
pv brush Schlagzeugbesen Щетки
bk bass Große Trommel Большой барабан
tk flam Einfacher Vorschlag Одиночный форшлаг, флэм
vk roll tap Leise Schlagwirbel Тихая дробь
krp hi hat Hi-Hat (Becken-Paar) Тарелки хай-хет (пара)
thp, ds instant rimshot Knallartiger Randschlag (Fell und Rand zusammen) Одновременный удар в пластик и обод

Eigentlich ist auch das Glossar ziemlich sinnlos, da die englischen Begriffe noch häufiger sowohl auf Deutsch, als auch auf Russisch unübersetzt bleiben (die rhythmischen Figuren – patterns – werden sowieso verständlicher, wenn man einfach die Noten schreibt, und das Musikinstrument cowbell heißt каубелл (ausgesprochen: Kaubell) im Russischen). Demnächst bin ich also meinen Bloglesern einen sinnvolleren Beitrag schuldig. Sonst, wenn ich einen meiner russischen Lieblingsslogans zweckentfremde (so wie Google Tranlsate eben), habe ich “keine Stammleser hier” (das ist der Werbeslogan einer russischen Zeitung, die ausschließlich Stellenanzeigen veröffentlicht). Diesmal aber, passend zu den Osterferien, ein Easter egg. Anhören!

Netzwerk - Übersetzer und Dolmetscher

Im Zeitalter 2.0 mit einer exponentiell wachsender Generation Cloud wird die alteingesessene Zunft von traditionellen Dolmetschern und Übersetzern von immer wieder neuen Gefahren bedroht. Mit dem Eintritt von global zugänglichen, kollektiven Translation Memories gewinnt auch das Thema Maschinelle Übersetzung (Machine Translation, MT) immer mehr an Ernsthaftigkeit und Aktualität. Ähnlich der MT ist die neue kollektive Intelligenz das wesentliche Merkmal auch einer anderen Gefahrenquelle für den konventionellen Übersetzerberuf, nämlich „social translators“.

Es sind diese heterogenen Gemeinschaften von Internetnutzern, die auf freiwilliger Basis, unentgeltlich, entweder für andere Gleichgesinnte (peer communities) auf einschlägigen Internetforen oder für entsprechende Medien Übersetzungen liefern, weil sie weniger am Geld, sondern mehr am Thema, an Erfahrungen, Kontakten, neuerdings aber auch an Credits (eine Art ehrenvolle Erwähnung) interessiert sind. Gerne sucht man „social translators“ auch im Bereich von crowdsourcing, als Alternative zu beruflichen language service providers. Eine prominente, organisch wachsende social translators community ist z.B. Global Voices.

Für Übersetzer mit mehrjährigen Erfahrungen ist das an sich, ehrlich gesagt, kaum ein neues Phänomen. Schon lange vor dem Internet und dem heutigen allgegenwärtigen networking pflegten wir soziale, freundschaftliche Kontakte zu den anderen Fachleuten und Muttersprachlern, von deren Kenntnissen und Sachverstand man auch beruflich, als Übersetzer und Dolmetscher, gut Gebrauch machen konnte, sei es auf der Suche nach dem richtigen, noch in keinem Wörterbuch registrierten Fachbegriff für eine zu übersetzende Betriebsanleitung oder generell im Umgang mit komplexen, wissenschaftlichen und technischen Themen. Was an diesem Phänomen nun wirklich neu ist, ist dessen Ausmaß. Dank neuer Kommunikationsmöglichkeiten entstehen global verbundene Interessengemeischaften. Die Spannbreite an Themen ist unerschöpflich. Am gleichen Tag, als ich nach meiner Baltikum-Reise im Litauen-Forum.de eine quasi gerade für social translators geschaffene Rubrik „Sprache / Übersetzungen“ entdeckte („Suche Übersetzungen“, „Ich bräuchte mal wieder ne Übersetzung aus dem litauischen“, „Bitte um kurzfristige Übersetzung von etwa 5 Sätzen!“) habe ich mich auch gefragt, wie viele andere, nicht-professionelle „Kollegen“ sich multilingual und übersetzerisch privat mit einem Artikel von Thilo Sarrazin beschäftigen, den ich im Auftrag eines Kunden ins Russische zu übersetzen hatte. Und dabei mich, wie in letzter Zeit immer häufiger, eines der besten russischen Online-Wörterbücher bediente, das mit Hilfe von Beiträgen professioneller und nicht-professioneller Übersetzer, auch eigener Beiträge, immer schneller wächst.

Aber zurück zu den Gefahren. Wie Ethan Zuckermann von The TED Open Translation Project in seinem Interview neulich voraussagte: „In a perfect world we probably wouldn’t notice language at all… Literally, we wouldn’t be aware of what original language the content was in. Our browser would translate it on-the-fly automatically…” Dafür sorgen nämlich unsere social translators und crowdsourced translations… Aber, so Ethan Zuckermann, “social translation is not a panacea. If you’re trying to translate, say, a technical manual for your product; you’d better hire a professional translator. And, if you need to translate something right now, particularly like simultaneous interpretation, those are extremely difficult skill-sets…” Also, um unseren eigenen vorangegangenen Kommentar zum Thema Maschinelle Übersetzung zu paraphrasieren, die Qualität (und auch die Bedeutung) sowohl maschineller als auch sozialer Übersetzungen wird weiter zunehmen, die Qualität (weniger Quantität, aber hoffentlich die Bedeutung) professioneller menschlicher Übersetzer ebenso.

Dazu kommen neue berufliche Aspekte, wie post-editing, für maschinelle sowie „crowdsourced“ Übersetzungen. Die Anzahl an translation review jobs nimmt rapide zu. Selbst wenn man die outsourcing-Politik von großen Übersetzungsagenturen nicht unbedingt unterstützen möchte (möglichst billig unausgegorene Übersetzungsleistungen einkaufen, um sie dann durch hochqualifizierte Übersetzer für einen Bruchteil des übrigen Preises korrekturlesen zu lassen), so ist die Frage, ob diese Abneigung gegenüber crowdsourced translations oder maschinellen Übersetzungen genauso berechtigt ist, nicht so einfach zu beantworten. „It’s intriguing to see who will jump into this future opening of providing MT post-editing training”, da sind wir mit Jost Zetzsche von internationalwriters.com einig.

Gefahr hin oder her… Um ein positives Fazit herauszuarbeiten, lassen wir uns noch auf ein Zitat ein: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ (Hölderlin). Jede Gefahr birgt neue Chancen. Auf neue Partnerschaften, ein schärferes berufliches Profil, mehr Spezialisierung und noch höhere Qualität, vielleicht auch auf mehr reviews und post-editing. Es kommt, wie so häufig im Leben, auf die Perspektive an…

Dolmetscher gesucht? Jetzt haben Sie ihn gefunden:

Erwartungsgemäß kommt Google Translate (auf www.google.de bzw. www.google.com das Dropdown Menü „Mehr>“ bzw. „more>“ aufklappen, auf „Übersetzer“ bzw. „Translate“ klicken) besser mit der Sprachkombination russisch-englisch, als russisch-deutsch zurecht, bietet aber auch die Möglichkeit an, „eine bessere Übersetzung vorzuschlagen“ (contribute a better translation), was – bei einer immer steigenden Quantität der Nutzung und kontinuierlich wachsenden Datenbanken, unter anderem durch innovative Funktionen und Dienste (z.B. sharing of translation memories and terminology) – auch qualitätive Verbesserungen unweigerlich nach sich zieht. Hier, übrigens, können Sie Übersetzungen durch Google Translate mit Ergebnissen von anderen ebenso kostenlosen und automatischen Online-Übersetzern (Bing und Babelfish) vergleichen.

Interessante Alternativen (sowohl für professionelle Übersetzer, als auch für diejenigen, die einen passenden Satz oder Begriff schnell finden wollen) bieten auch MyMemory, TDA und Linguee. Hier kann man z.B. unzählige, bereits vorhandene menschliche Übersetzungen und zweisprachige Texte durchsuchen, um eine bessere Formulierung mit den gesuchten Wörtern und Ausdrücken zu finden.

Die Reaktionen der Übersetzergemeinde auf die zunehmende Bedeutung der Translation-Automation-Technologie. schreibt Renato Beninatto, SEO von Milengo in seinem Blog Localization Industry 411, lassen sich in zwei Gruppen aufteilen: 1. It’s the end of the world for translators. 2. MT (d.h. maschinelle Übersetzung) is never going to reach perfection. So, no worries.

Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen: Die Qualität (und auch die Bedeutung) maschineller Übersetzungen wird weiter zunehmen, die Qualität (weniger Quantität, aber hoffentlich die Bedeutung) professioneller menschlicher Übersetzer ebenso. Die Grenze zwischen Mensch und Maschine wird sich weiter verschieben zu mehr Maschine, weniger Mensch, wobei der menschlichen Rolle immer mehr Individualisierung (weniger Quantität, mehr Qualität) zuteil wird. Oder bedroht etwa die Verbreitung immer besser werdender Fotokameras „für jedermann“ die Existenz professioneller Fotografen?

Die Zeiten für sowohl maschinelle, als auch menschliche Übersetzer bleiben spannend. Ausgerechnet jetzt, vor dem Hintegrund einer wachsenden Automatisierung und Nivellierung, eröffnen sich für anspruchsvolle Kunden neue Chancen, eigene Produkte und Dienstleistungen durch die individuelle textliche Qualität der begleitenden fremdsprachlichen Dokumentationen zu differenzieren und sich von der Konkurrenz abzuheben. Diese Chancen sollten nicht ungenutzt bleiben!