Tricky translations

Translation at its best

Yves Klein Untitled Blue Monochrome

Als ich vor einigen Jahren umfangreiche technische Dokumentationen für einen Hersteller von Hightech-Medizingeräten übersetzte, bin ich auf einen Kommentar des englischsprachigen Lektors aufmerksam geworden, der die Übersetzung im Auftrag des Herstellers auf terminologische Genauigkeit überprüfte. Die Aufgabe des Lektors war unter anderem sicherzustellen, dass jedem relevanten Begriff des Originals eine einzelne, eindeutige und unverwechselbare Entsprechung in der Zielsprache zugewiesen wurde. Also möglichst bitte keine Synonyme oder Umschreibungen, technische Übersetzer sprechen gerne in so einem Fall von begrifflicher Konsistenz. Der Lektor, der Russisch in der Schule gelernt und seitdem laut eigener Aussage nie verwendet hatte, erinnerte sich daran, dass das Wort рука (ruka) gleich zweierlei bedeutet: Hand und Arm. Das gleiche gilt für нога (noga, Bein und Fuß) und ebenfalls für пальцы (palzy, Finger und Zehen). „One body part in Russian is divided into two parts in English.“ Diese sprachliche Idiosynkrasie nutzte der Lektor als anschaulichen Beweis dafür, dass eine „Eins-zu-Eins-Übersetzung“ selbst in einem möglichst präzisen, technischen Umfeld nicht machbar und nicht sinnvoll ist.

Der Kommentar des Lektors fiel mir neulich auf, als ich ein Radiointerview mit Lera Boroditsky (KQED Radio in San Francisco) hörte. Die US-amerikanische Psychologin ist eine echte Celebrity auf dem Gebiet Cognitive Sciences und Sprachpsychologie. In ihren Experimenten zeigt sie, wie die Sprache das Denken prägt. Ähnlich wie im Falle des menschlichen Körpers setzen verschiedene Sprachen unterschiedliche Grenzen z.B. bei der Wahrnehmung von Farben fest. “In English, there is a word blue, but in Russian there isn’t a single word which describes the whole range of colors that the English call blue. There is instead a separate term for light blue (голубой) and dark blue (синий). And so, Russian speakers are forced by the language to distinguish light shades of blue from dark shades of blue, because they have to call them different names,“ sagt Lera Boroditsly, selbst eine russische Muttersprachlerin, in diesem Interview.

Ein Satz wie z.B. „Drücken Sie die blaue Taste auf dem Bedienfeld…“ lässt sich nicht ohne Weiteres ins Russische übersetzen. Entweder muss ich das Bild vor den Augen haben oder beim Kunden nachfragen, ob es sich um eine hellblaue oder dunkelblaue Taste handelt. Genauso schwer kann man einen russischen Satz, in dem eine nicht näher definierte körperliche Extremität vorkommt, ohne Zusammenhang in eine andere Sprache übersetzen. Die sprachliche Differenzierung bedingt eine notwendige Anpassung und macht eine mechanische „Eins-zu-Eins-Übersetzung“ schlichtweg unmöglich. Language shapes thought: Diese Erkenntnis ist letztendlich ein weiteres Argument für die Unabdingbarkeit eines qualifizierten menschlichen Übersetzers als Mittler zwischen Kulturen ebenso wie ein Argument gegen automatenhafte Verwendung von machine translation und CAT-Tools, die eine „Eins-zu-Eins-Übersetzung“ fördern.

In der Kognitiven Linguistik wird unter anderem untersucht, wie sprachliche Unterschiede unsere Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen bestimmen. So analysiert man zum Beispiel den empirisch festgestellten Unterschied in der Wahrnehmung von Gegenständen, je nachdem, welches grammatikalisches Geschlecht die Begriffe in den jeweiligen Sprachen haben. Borodetskys Experiment mit dem Wort „Brücke“ gehört zu den meist zitierten, da am auffälligsten, Fällen. „Zur Beschreibung einer Brücke, die im Deutschen weiblich und im Spanischen männlich ist, verwendeten die Sprecher des Deutschen Wörter wie „schön”, „elegant”, „zierlich”, „friedlich”, „hübsch” und „schlank”, für Sprecher des Spanischen war sie eher „groß”, „gefährlich”, „lang”, „kräftig”, „solide” und „aufragend” (deutsche Übersetzung des Artikels „How does our language shape the way we think?“ in der Süddeutschen Zeitung, 16. April 2010). Wer selbst hören möchte, welche Adjektive am häufigsten in Verbindung mit die Brücke und el puente genannt werden, dem ist auch Lera Borodetskys Vorlesung im Berkeley Language Center ans Herz zu legen: gleichzeitig unterhaltsam und erkenntnisreich, empfehlenswert auf jeden Fall!

Bis jetzt hielt ich die Kognitiven Wissenschaften für etwas, was meine tägliche Arbeit weniger berührt. Jetzt bin ich eines Besseren belehrt. Oder soll ich sagen – weniger blauäugig?

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In das Guinness-Buch der Rekorde sollte, so finde ich, Deutsch aufgenommen werden und zwar nicht nur wegen des längsten Wortes (Donauschiff…), sondern auch als die Sprache mit den meisten Großbuchstaben. Die anderen Sprachen, in denen alle Substantive (Nomina, Hauptwörter) großgeschrieben werden, sind im Repertoire unseres Übersetzungsbüros jedenfalls bis jetzt noch nicht vorgekommen. Wie sieht es aber mit „Gross oder klein“ im Russischen aus? Ein paar Fälle möchte ich heute unter die Lupe nehmen.

Zunächst einmal die Höflichkeitsform. In den beiden Sprachen (sowohl deutsch, als auch russisch) wird die höfliche Anrede mit der Pluralform „Sie“ gebildet. Allerdings bleibt das „Sie“ in der russischen Schriftsprache groß nur dann, wenn man eine Einzelperson anspricht. Bei der schriftlichen (oder auch online im Internet) Anrede von mehreren Personen bzw. wenn kein bestimmter, namentlich bezeichneter Adressat genannt wird, gilt die Regel: klein schreiben. So lauten z.B. die offiziellen Empfehlungen des V.V. Vinogradov-Instituts für Russische Sprache der RAW (Russische Akademie der Wissenschaften):

Vinogradov-Institut_-_Empfehlung
Ähnlich eindeutige Vorschriften und Empfehlungen zum Thema „Anrede im Russischen: Gross oder klein“ enthalten auch andere Nachschlagewerke wie z.B. „Russische Rechtschreibung und Stilistik“ von D.E. Rosenthal et al. (und die GOST-Standards (GOST R 6.30-97 „Unified systems of documentation. Unified system of managerial documentation. Requirements for presentation of documents“).

Das Thema, wie der Übersetzer gewisse kundenspezifische „Style Guides“ für die Marketing-Kommunikation und Werbung in der jeweiligen Zielsprache integriert, selbst wenn das „corporate speak“ den allgemein gültigen Sprachregeln widerspricht, bleibt einer gesonderten Überprüfung vorbehalten. Nun zum anderen Fall.

Im Russischen ist es üblich, ein Substantiv groß zu schreiben, um den Begriff besonders hervorzuheben. «Человек с большой буквы» läßt sich einfach ins Englische, als ins Deutsche übersetzen, zumal der gebräuchliche englische Ausdruck mit dem russischen praktisch identisch ist: „man with a capital M“. (Wahrscheinlich würde man auf Englisch gerne auch „Übermensch“, so wie „a real übermensch“, sagen.) Zwar kommt es vor, dass ein groß geschriebenes englisches oder russisches Wort in der deutschen Übersetzung gleich mit allen Buchstaben GANZ GROSS (Großbuchstaben oder Kapitälchen) steht, sieht es für meinen Geschmack etwas übertrieben aus. Doch was bietet sich alternativ an? Ich glaube, das ist nämlich der Fall, wo es auf den Zusammenhang ankommt. Nur aus dem konkreten Kontext heraus erschließt sich die eine oder andere Möglichkeit, die ganze Grandezza des Großgeschriebenen wiederzugeben. So z.B. gefällt mir als Titel „Mensch, großgeschrieben“ ganz gut, wenn „Man with a capital M“ ein (etwas kitschiger) Romantitel wäre. (Interessanterweise heißt der Roman „A Man in Full“ von Tom Wolfe im Russischen «Мужчина в полный рост» (= zur vollen Größe; der deutsche Titel lautet „Ein ganzer Kerl“), obwohl „with a capital M“ auf der Hand läge…)

Und wie übersetzt man ins Deutsche und Englische „по большому счету“, eher ein bedeutungsloses Füllwort im Russischen (so wie man im Deutschen einen Satz mit „also“ oder „eigentlich“ beginnt)? Meine derzeitigen Favoriten sind „at the end of the day“, „in the scheme of things“ und, passend zum Schluss, „letzten Endes“.

Russland - Litauen - Kurische Nehrung

(Kurische Nehrung, Litauen, Grenze Russland – EU, August 2010)

Mein neuester Beitrag zum öffentlich geführten Online-Wörterbuch Multitran, den ich noch am letzten Tag des vorangegangenen Jahres hinzufügte, hatte mit Meer zu tun. Multitran ist eine Internet-basierte Wörterbuch-Sammlung, die unzählige Glossare und Foren für die russische Sprache umfasst und daher eine wertvolle Informationsquelle bei der Suche nach passenden Begriffen und Termini bietet. Leider ist sie aufgrund von all zu vielen Beitragen und Übersetzungsvorschlägen, wie so häufig bei Web 2.0-Communities, etwas unübersichtlich geworden und dazu noch, laut knapp sachlicher Auskunft der Wikipedia, „is down quite often“. Obwohl wir, wie auch andere professionelle Übersetzungsbüros, eigene Terminologiedatenbanken pflegen, ist es manchmal schon praktisch, eine treffliche Übersetzung für einen seltenen, in konventionellen Wörterbüchern und Referenzquellen noch fehlenden Begriff, schnell ins Netz zu stellen. So ist der gefundene Ausdruck immer zur Hand, solange der Internetzugang nicht abbricht, und hoffentlich auch für andere Benutzer und Kollegen hilfreich.

Im Falle meines Beitrags vom 31.12.2010 („корабельная сосна“) handelt es sich allerdings um die englische Übersetzung von bei Multitran bereits vorhandenen russischen Begriffen und dazu noch um eine fremde, nicht von mir stammende Variante. „Корабельная сосна“ bedeutet im Russischen etwas Historisches, nämlich Schiffskiefer, also Kiefernholz, das man für den Schiffsbau einst verwendete. Im russisch-englischen Teil von Multitran findet man viele Vorschläge für „корабельный“ wie ship (als Adjektiv), shipborne, naval oder seaborne. Selbstverständlich stehen da einige Begriffe auch für das zweite Wort (pine, pinewood…). Auch wenn der eigentliche Ausdruck als solcher nicht verzeichnet ist, so liegt es nah, eins und eins zusammen zu zählen, um auf z.B. „ship building wood“ oder „shipbuilding pine“ zu kommen. Der noch fehlende englische Ausdruck für die historische russische Schiffskiefer, den ich unbedingt eintragen wollte, lautete aber anders. „Carvel pine“and the honor goes to Ian Frazier. Als carvel pine oder caravel pine bezeichnet der amerikanische Autor das russische „корабельная сосна“ in seinem gerade vor ein paar Monaten erschienenen Reisebuch „Travels in Siberia“. Über den Wortlaut des Originals bin ich nicht 100% sicher, im Englischen schreibt man sowohl „carvel“ als auch „caravel“. Meine „Travels in Siberia“ lagen als Audible-Hörbuch in der akustischen Interpretation des Autors vor und um so deutlicher leuchtete mir bei dem gesprochenen Wort ein, dass das russische „корабль” („korabl“) mit „carvel“ („carvel planking“ bzw. „Karweelbeplankung“ in der deutschen Schiffbausprache) oder mit dem eigentlichen „caravel“ eng verwandt sein muss. „Каравелла“ (ausgesprochen „karawella“) gibt es im Russischen auch, das Schiff als Inbegriff der Seefahrtromantik schlechthin.

Update v. 31.01.2011:
Ian Frazier schreibt von „caravel pines“: „korabel’nie sosni — literally, “caravel pines,” trees from which ships’ masts were made“. Ein Auszug aus „Travels in Siberia“, veröffentlicht von New York Times, ist online zugänglich und übrigens sehr empfehlenswert!

Mag sein, dass diese Interpretation in den Bereich der populären Sprachirrtümer gehört. Letztendlich weist man am Silvesterabend nicht so richtig, ob „einen guten Rutsch“ vom deutschen „rutschen“ oder auch vom hebräischen rosch (= Anfang) bzw. persischem No Ruz stammt (siehe Dagmar Jenner, „Kommt der „gute Rutsch“ von „rutschen“). Der Bereich der populären Sprachirrtümer entspricht im Russischen meist der so genannten „Volksetymologie“. „Bei einer Volksetymologie (Paretymologie) handelt es sich um einen historischen Wortbildungsprozess, bei dem ein unbekanntes Wort (meist Fremdwort) nach dem Vorbild eines vertraut klingenden Wortes in die Nehmersprache eingegliedert wird. Hierbei kann sowohl der Wortkörper phonologisch verändert werden, als auch durch das Mittel der Analogie eine phantasievolle Neubildung eintreten“, so Wikipedia. Auf viele Geschichten und Anekdoten über die Abstammung mancher Worte trifft der italienische Spruch Se non à vero, è ben trovato gut zu, oder, wie Steve Bushemi in der ebenso vor kurzem (2010) erschienen „Boardwalk Empire“ meinte: „Never let the truth get in the way of a good story“. (Ein Experte in Sachen russischer Volksetymologie ist übrigens Prof. Andrey Zaliznyak, dessen Geschichten über die vermeintliche Abstammung von manchen Ausdrücken zur vergnüglichsten Lektüre in der russischen Sprachwissenschaft zählen. Siehe z.B. „Über die professionelle Linguistik und die Laienlinguistik“ (russisch), Artikel aus der populärwissenschaftichen Zeitung “Nauka i zhizn“.

Wie der Zufall so wollte, ausgerechnet am 31.12.2010 erreichte uns eine E-Mail von Olga Miller, unsere Kollegin aus Vilnius, Übersetzerin für russisch – litauisch – englisch – deutsch. In ihrem Schreiben ging es ebenso um volketymologische Dispute, diesmal in der litauischen Sprache (demnächst in diesem Blog).

Ehrlich gesagt, zu einer Recherche über den genauen Verwandtschaftsgrad zwischen „корабль“ und „caravelle“ bin ich nicht gekommen. Über einen anderen Fall, der wiederum mit Meer zu tun hat, bin ich besser informiert: Das deutsche Wort „Pommern“ (im Englischen Pomerania) stammt vom slawischen Pomorje, was so viel wie „das Land am Meer“ bedeutet. Es ist also wieder море, das Meer, das die Länder und Sprachen verbindet. Am Meer schließt sich der Kreis und damit schließen wir auch diese Neujahrsgeschichte mit dem kleinen Exkurs in die russische Volksetymologie.

Übersetzungen russisch englisch Tricky

Im Leben eines Dolmetschers gibt es genug knifflige Problemsituationen, bei denen es auf eine schnelle, praktikable Lösung an Ort und Stelle ankommt. Naturgemäß gilt das für das Simultandolmetschen, wenn der Dolmetscher dem Redner parallel, manchmal gar einen Schritt voraus denken und sprechen muss. Aber auch beim Konsekutivdolmetschen wie bei Verhandlungen ist Schlagfertigkeit gefragt, wenn der Dolmetscher z.B. mit Kalauern oder unübersetzbaren Wortspielen konfrontiert wird. Es gibt eben Sprüche und Anekdote, auf die die russischen Geschäftspartner auch bei Verhandlungen im politisch korrekte(re)n Ausland nicht immer verzichten wollen. Bei manchen Witzen fühlt man sich als Dolmetscher nicht nur zum Übersetzen, sondern auch zum Moderieren, vor allem aber zu schnellen Entscheidungen gezwungen oder zumindest stark motiviert: Was nun – alles übersetzen wie es ist (und auch das Risiko in Kauf nehmen, dass der Witz nicht ankommt, nicht verstanden oder – noch schlimmer – nicht als Witz verstanden wird) oder lieber doch etwas abändern, abmildern, mit eigenen Kommentaren und Erklärungen versehen oder – im Extremfall – was eigenes erzählen, um die gewünschte Reaktion des Geschäftspartners (trotz allem) hervorzurufen. Wie man so sagt, Humor ist, wenn man trotzdem lacht…

Neulich fand ich mich in einer ernsteren, durchaus „normalen“ Situation, in der ich etwas scheinbar Unübersetzbares schnell ins Russische zu übertragen hatte. In der deutschen und in der englischen Sprache gibt es einige ähnlich klingende, leicht differierende Begriffe, die allerdings im Russischen nur eine einzige Vokabel als Pendant finden. (Natürlich gilt das auch umgekehrt: Die russische Sprache ist in keinster Weise wortarm, aber auch nicht 100% „wortkompatibel“.) Mit dem Mythos von den unzähligen Eskimowörtern für Schnee hat mein Fall wenig gemeinsam. In dieser Situation galt es, lediglich zwei Begriffe – Effektivität und Effizienz – mit entsprechend differierenden russischen Vokabeln schnell voneinander zu trennen. Dummerweise bieten die meisten deutsch-russischen Wörterbücher (Fachwörterbücher inklusive) in beiden Fällen nur das eine begriffliche Äquivalent:

Effizienz:
deutsch-russisch Effizienz

Effektivität:
deutsch-russisch Effektivität

Auch die englischen effective und efficient werden ins Russische meist mit einem und demselben Wort übertragen: эффективный.

Zugegeben, den genauen Unterschied werden vermutlich auch die meisten deutschen Muttersprachler bzw. english native speakers nicht genau erklären können, außerdem ist der Unterschied im allgemeinen Sprachgebrauch wenig relevant und wird bedeutend erst in einem wissenschaftlichen, betriebswirtschaftlichen Kontext. In meinem Falle ging es aber ausgerechnet darum. Ich war als Dolmetscher auf einem technischen Training, zu meinem Glück hatten die russischen Teilnehmer bereits übersetzte Unterlagen, der Trainer, der das Fachwissen eines Ingenieurs mit didaktischen Mitteln herrvoragend zu verbinden verstand, sprach und verstand Russisch und war sich mancher linguistischer Schwierigkeiten durchaus bewußt. Kurzum, die Lösung ließ sich relativ leicht finden.

Im Nachhinein betrachtet scheint es mir aber durchaus interessant, sich über solche Fälle Gedanken zu machen. Was diese konkreten Begriffe angeht, so wird Effektivität bzw. effectiveness im Deutschen und Englischen vor allem im Sinne von Zielerreichung verwendet. Effektiv ist etwas, was für das Ziel förderlich ist. So kann eine Maßnahme entweder effektiv oder ineffektiv (fruchtlos, unwirksam, nutzlos), aber niemals relativ effektiver (im Vergleich zu einer anderen) sein. Effizienz dagegen bedeutet Wirtschaftlichkeit(sgrad), relative Leistungsfähigkeit, ein Verhältnis zwischen Aufwand und Ergebnis oder, laut einer englischen, kybernetisch angehauchten Definition, „the ratio of the output to the input in any system“. Ein anschauliches Beispiel unseres Trainers: Eine Anlage, die 23 Stunden stillsteht, arbeitet eine Stunde effektiv, aber nicht effizient. Oder, im Bezug auf die Wirtschaft, ein berühmtes Zitat von Peter Drucker: “Efficiency is doing things right; effectiveness is doing the right things.”

Wie sieht es denn mit einer typischen russischen Übersetzung aus? Im Russischen werden am häufigsten die Begriffe эффективность (Effektivität), продуктивность (Produktivität), действенность (Wirksamkeit), производительность (Leistung) verwendet. Einen Versuch, diese Begriffe semantisch differenziert zu belegen, unternahmen wir in unserem Übersetzungsbüro bereits vor 10 Jahren, als wir im Auftrag von Development Researchers’ Network die englischsprachigen Berichte und Studien, eine italienische Beratungsorganisation, die in den EU-Projekten engagiert ist, Berichte und Studien über die Implementierung von TACIS-Programmen in Russland übersetzen und uns mit der offiziellen europäischen Terminologie auseinandersetzen mußten. Da wir bei Tomarenko Fachübersetzungen + DTP jahrelang mit der Übersetzung von Fachliteratur zum Thema Finanzen, Controlling und Rechnunslegung beschäftigt waren und solche Termini, wie Aufwand – Aufwendungen – Kosten – Ausgaben auch im Russischen sauber auseinanderzudividieren gelernt hatten, fiel uns damals die Differenzierung zwischen lediglich zwei Begriffen – efficiency und effectiveness – nicht schwer.

Als Interimslösung verwenden wir heute результативность im Sinne von Effektivität und эффективность für Effizienz. Allerdings stellen wir nach wie vor fest, dass die meisten russischen Übersetzungen von einer einheitlichen und konsequenten Lösung immer noch weit entfernt sind. Die konkrete Terminologieauswahl hängt weitgehend vom Zusammenhang ab. So z.B. die russische Übersetzung des Buches „Performance Management: Finding the Missing Pieces (to Close the Intelligence Gap)“ von Gary Cokins. Hier, bei der Übersetzung vom bereits zitierten Peter Drucker wählt der russische Übersetzer des Buches „результативность“ für „effectiveness“ und „эффективность“für „efficiency“.

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Interessanterweise wird der gleiche Begriff – результативность (Ergebniswirksamkeit) – auch für die Überschrift und als Schlüsselbegriff des ganzen Buches – performance – verwendet.

Selbstverständlich ist dieser Fall nur ein kleines, aber kennzeichnendes Beispiel, eine Illustration, um die notwendige terminologische Arbeit eines Übersetzers deutlich zu veranschaulichen. Im Laufe der Jahre sammeln sich viele solcher Fälle, die sich als Lösungen von linguistischen Problemen systematisieren und in künftigen Projekten einsetzen lassen. So entstehen firmeneigene Glossare, thematische oder kundenspezifische Vokabulare, neuerdings auch Terminologie-Datenbanken und Translation Memories für CAT-Systeme. Vermutlich ähnlich entstand auch „Mein unsystematisches Wörterbuch“ von Pavel Palazhchenko, einer der bekanntesten russischen Dolmetscher dank seiner langjährigen Tätigkeit als der UN-Dolmetscher von Mikhail Gorbatschow. Für das Wörterbuch von Palazhchenko, ein echtes Lehrwerk voller Lösungen von kniffligen Problemfällen für englisch-russische Dolmetscher und Übersetzer, fehlt noch ein deutsch-russisches Pendant. Vielleicht wäre es ein Projekt wert, eine Website ähnlich dem von vielen Benutzern kontinuierlich aktualisierten Forum Ergänzungen zu meinem unsystematischen Wörterbuch für deutsch-russische Übersetzungen und deutsch-russische Übersetzer einzurichten. Vielleicht könnte unser Beispiel mit Effizienz und Effektivität als Anregung zur Systematisierung vieler weiterer, aktueller und kniffliger Fälle dienen. Die Reihe tricky tranlsations wird bei uns auf jedem Fall fortgesetzt. Demnächst also mehr: Wie wäre es z.B. mit Zweck und Ziel, Bedarf und Bedürfnis… In diesem Sinne bis bald!

Übersetzer russisch - Dolmetscher russisch

Ein großes Fragezeichen für jeden Dolmetscher steht hinter der Frage, wie weit er gehen, sprich: wie viel Freiheit er sich nehmen darf, wenn er merkt, dass das Dolmetschen („interpreting“ im engen „englischen“ Sinne, denn das englische „to interpret“ und das deutsche „Interpretieren“ halte ich für veritable false friends in der Übersetzung) allein nicht nur nicht ausreicht, sondern ja kontraproduktiv, im Extremfall gar sabotierend für die Kommunikation beider Parteien wirken kann. Wäre also das „Interpretieren“ in einem weiter gefassten, „deutschen“ Sinne, d.h. das „Auslegen“, „Ergänzen“ und „Kommentieren“, eher angebracht, um einen richtigen Dialog zu fördern und mögliche Missverständnisse zu verhindern?

Diese Frage stellte ich mir neulich, als ich für eine Delegationsreise hochrangiger russischer Regierungsvertreter und Bildungsexperten auf Einladung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie in Bonn als Dolmetscher engagiert wurde. Es gibt klassische Fälle, bei denen der Dolmetscher sich gezwungenermaßen mehr Freiheit erlauben muss, um z.B. zwei sich touchierende Begriffe auseinander zu halten, wenn die beiden in der Zielsprache meistens nur eine lexikalische Entsprechung finden. So ist es im Russischen nicht leicht, begrifflich zwischen Zweck und Ziel oder effektiv und effizient zu unterscheiden. Ebenso wenn die englischen, zum Teil synonym verwendeten Bezeichnungen wie leadership und governance, partnership und twinning dazu kommen… Klar ist die Kreativität weniger gefragt, wenn es sich um möglichst präzise, eindeutige und klare Definitionen handelt, aber einiges muss man sich als Dolmetscher bzw. Übersetzer schon einfallen lassen, um feine Unterschiede nicht nur wortgetreu, sondern auch sinngemäß auslegen und übersetzen zu können.

Noch mehr Fragen nach den Spielräumen bei der Übersetzung und Interpretation ergeben sich, wenn der Dolmetscher wesentliche inhaltliche Diskrepanzen feststellt. Soll er selbst, aus freien Stücken etwa weiter ausholen, wenn ein deutscher Manager seinen Betrieb den russischen Besuchern präsentiert und über die Azubis spricht? Soll er (der Dolmetscher) lieber kurz und taktvoll darauf hinweisen, dass das deutsche duale System nicht überall in der Welt „for granted“ genommen wird und gerade dieser russischen Delegation, ob hochkarätige Fachleute oder nicht, völlig unbekannt ist, da dieser Betrieb die erste Station auf ihrer „study tour“ ist? Für den nichts ahnenden Präsentator öffnet sich damit eine Chance, sich über den Wissensstand des fremdsprachigen Auditoriums zu informieren, die Interessenslage seines Publikums abzufragen und eine für beide Seiten vorteilhafte, spannende Diskussion einzuleiten. Mit anderen Worten, eine bessere Verständigung – mit kommunikativer Unterstützung des Dolmetschers – zu erreichen.

Während meiner Reise mit der russischen Delegation fiel mir häufig die Gefahr auf, dass die Partner aneinander vorbei reden würden, wenn der Dolmetscher die Fragen zwar korrekt, aber zu „direkt“ übersetzt, ohne die richtigen Zusammenhänge deutlich zu machen. Fragt etwa der russische Zuhörer, „wie sieht es bei Ihnen aus mit…“, so meint er meistens damit „in Deutschland allgemein“. Die Antwort eines deutschen Firmenvertreters bezieht sich aber typischerweise ganz konkret und detailliert auf die Zustände im eigenen Unternehmen. Kein Wunder, dass der Fragende sich missverstanden fühlt. Manchmal muss man als Dolmetscher auch moderieren können, damit die Hintergründe von Fragen und Antworten für die beiden Parteien transparenter werden. So z.B. zeigte sich erst im Laufe einer moderierten Diskussion, dass die russischen Verwaltungsangestellten, die sich für das Thema e-government interessierten, vor allem über neue Möglichkeiten, auf elektronischem Wege die Korruption zu bekämpfen, von der deutschen Seite erfahren wollten. Dagegen behandelten die deutschen Experten das gleiche Thema entsprechend eigener Schwerpunkte, nämlich im Sinne von e-participation, also mehr Offenheit und Demokratie. Dass die gleichen Aspekte sich in den Vordergrund rücken, damit die beiden Seiten sich richtig verstehen und einen gemeinsamen Nenner finden, hängt von der Sprach- und Fachkompetenz des Dolmetschers ab, aber ebenso vom Können und Geschick des Dolmetschers als Moderator in einem interkulturellen Dialog.

Entscheidend ist die Frage nach Kommunikation. Danach richtet sich das Ausmaß einer aktiven, interpretierenden Beteiligung des Dolmetschers im Dialog zweier Parteien. Unserem Verständnis nach beschränkt sich die Rolle des Dolmetschers nicht auf die reine Übersetzung des gesprochenen Wortes, sondern beinhaltet auch ggf. das Interpretieren, wenn es für den Erfolg der Kommunikation notwendig und sinnvoll ist. So versteht unser Team bei Tomarenko Fachübersetzungen + DTP unsere Aufgaben als Dolmetscher und Übersetzer, interpreters und Interpreten, so setzen wir unsere Kenntnisse und skills ein – zum Nutzen Ihrer Kommunikation.